Meine Learnings aus dem Silicon Valley

29.10.2022 03:45
ca. 6 Minuten Lesezeit

Ich befinde mich zurzeit im Rahmen eines Startup-Acceleration-Programms im Silicon Valley. Für die Geografie-N00bs unter euch: Das ist der Bereich zwischen San Francisco und San José in Kalifornien.
Wir sind hier mit diversen Firmen aus Deutschland, überwiegend aus Schleswig-Holstein und Hamburg, aber auch aus Niedersachsen und dem Saarland.

Und wie das natürlich immer so in einer neuen Umgebung ist: Ich nehme, wie auch schon damals 2018/19 in New York City, einiges an neuen Ansichten und Erfahrungen mit.

Deutsche Büroeinrichtungsvorgaben erfüllen einen Sinn

Schon damals in NYC fand ich befremdlich, dass es Büros im Keller gab, so ganz ohne Fenster, völlig überklimatisiert. Wenn die Räume nicht auf 18 Grad heruntergekühlt waren, wurde die Belüftung stark aufgedreht, bis die Leute wieder freiwillig Pullover tragen und zum Aufwärmen raus auf die Straße mit 30 Grad im Schatten gehen.

Das ist auch bei diesem Accelerator mit verbautem Co-Working-Space der Fall. Allerdings nicht im Keller, sondern im ersten Obergeschoss, komplett ohne Fenster. Dafür zur Hälfte mit den, bereits in den 80ern verhassten Cubicles – diese Ein-Mann-Büro-Papp-Abtrennungen aus den schlechten Filmen und zur anderen Hälfte mit einem riesigen, tristen Raum. In diesem Raum sind die Tische möglichst in 4er/5er-Gruppen zusammengestellt, aber auf einer Höhe eingestellt, die eher der 3. Klasse aus der Schule entspricht. Dadurch bekommt man auch direkt Nackenverspannungen, sobald man an einem Laptop arbeitet. Und anders als in vielen anderen Spaces kann man hier auch lieber gar keine Monitore für die angenehmere Arbeit mieten. Der Anbieter ruht sich einzig und allein auf seinem Ruf aus, statt zu modernisieren.

Ich habe jetzt wirklich schon so einige Co-Working-Spaces gesehen, auch in den USA, aber dieses Ding setzt dem Ganzen echt die Krone auf, was Geschmacklosigkeit der Einrichtung angeht.
Ich war gestern wieder mal einen Tag da und hatte dank der Klimaanlage auch direkt für den Rest des Tages einen dichten Hals mit Schluckbeschwerden.

Wir bewegen uns zu langsam

Wenn ich mir ansehe, wie wir Deutschen im Gegensatz zu US-amerikanischen Firmen arbeiten, sind wir nicht nur langsam, wir stehen gewissermaßen still. Zumindest wenn es um technische Innovation geht und darum, mal etwas zu wagen.

Das liegt aber meines Erachtens nicht daran, dass wir das nicht wollen, sondern dass wir zu viel wollen. Wir wollen zu viel zu richtig machen. Das liegt natürlich auch ein wenig an den europäischen Investoren, die dir nicht Geld für eine Idee, sondern nur für ein marktreifes Produkt geben wollen. Es liegt auch daran, dass wir nicht viele kleine Schritte gehen, sondern immer einen riesigen Schritt machen wollen.
Wir sehen diese Innovationen aus dem Valley und denken: „Boah, das kann ich noch geiler – ich mach’ da direkt ein neues Unicorn draus!“ Es kann aber nicht jeder ein Unicorn bauen. Wir bekommen vielleicht bei 10.000 Neugründungen mal ein Pferd heraus, das sich ein Horn auf die Stirn tackern lässt.

Es ist gar nicht so schlimm, auch mal eine Firma zu gründen, die nur etwas Kleines macht und deren Technik in 5 Jahren veraltet ist. Dann wird die Firma eben danach geschlossen, verkauft, was auch immer. Deutschland muss sich dringend verabschieden vom Gedanken, von der Ausbildung bis zur Rente im selben Unternehmen zu verbleiben. Veränderung ist wichtig.

Investoren sind arme Schweine

Natürlich sind die Investoren nicht unbedingt arm, aber arm dran hier im Silicon Valley. Die ständige Belagerung seitens aufdringlicher Gründer ist selbst als Betrachter von außen äußerst unangenehm. Wenn du mit diesen Leuten sprichst und so etwas fallen lässt wie: „Die wollen auch mal ihre Ruhe haben“, bekommt man als Antwort: „Mir doch egal, ich will trotzdem deren Geld!“
Da bekomme ich wirklich Anfälle.

Auf den Investor-Gründer-Networking-Events trifft man am Ende immer nur dieselben Leute: Gründer. Von Investoren kaum eine Spur. Seit der Pandemie und aufgrund der aktuellen Lage haben sich viele einfach komplett herausgezogen.

Endlich mit Profis!

Für mich als Entwickler ist das hier ein Paradies. Gerade im Video- und Livestreaming-Bereich hast du hier natürlich die Profis. Hier findet der Fortschritt statt. Hier befindet sich das Wissen. Hier habe ich Leute, auf die ich heraufschauen kann, die ich gerne für 3 Wochen in meine Wohnung einladen würde und mir würden in der Zeit nie die Fragen ausgehen. Es ist ein Traum!

Home-Office is King

Der Vorteil an den USA ist für die Unternehmen, dass es nicht unbedingt lange Mietverträge gibt. Dadurch kommt es auch, dass einige Unternehmen in der Gegend ihre Büros deutlich verkleinert haben, da eine durchaus hohe Anzahl der Mitarbeiter offenbar keine Lust mehr auf Arbeit in einem Büro hat. Das hybride Arbeiten ist hier durchaus ein großes Ding.

Deutsche Startups haben oft einen Demotivationskünstler

Bei der Unterhaltung mit anderen Gründern ist uns untereinander aufgefallen, dass viele der Firmen jemanden im Team haben, der es schafft oder geschafft hat, das gesamte Team mit der Laune in den Keller zu ziehen, das Team nahezu arbeitsunfähig machen/machten.
Das scheint ein aktueller Trend zu sein und er ist sehr schädlich in Startups. In größeren Unternehmen gehen solche Leute glücklicherweise in der Menge unter und ziehen vielleicht mal ein Team, aber nicht die gesamte Firma runter. So etwas kann schon mal dazu führen, dass Unternehmen wegen des darauffolgenden Stillstands zugrunde gehen.

Firmennamen sind Schall und Rauch

Sieht man in Deutschland einen Bewerber-Lebenslauf mit Firmennamen wie Google, Microsoft oder Apple, gilt die Zusage oft quasi schon als sicher und die Person kann im Arbeitsvertrag das Feld mit dem Gehalt selbst ausfüllen.
Das ist hier glücklicherweise anders, da die Menschen hier an diese Firmen gewöhnt sind und die Personal-Rotation zwischen Unternehmen deutlich stärker fluktuiert. Das ist auch gut so, da ich oft genug Menschen kennenlernen durfte, die zwar solche Firmennamen im CV stehen hatten, aber trotzdem fachlich nicht komplett in der Spur waren.

Tesla-Fahrzeuge überall

Der erste Eindruck auf der Straße hier: „Boah, sind das viele Teslas!“ Ich würde fast schätzen, dass jedes 10. Fahrzeug ein E-Fahrzeug von Tesla ist. In allen drei verfügbaren Farben. Vielleicht sind es auch mehr, aber es kommt mir vor, als wären es nur drei. Und da hier alles sehr weit auseinander liegt, benötigt man selbst für kleine Erledigungen ein Auto. Es gibt auch keine E-Scooter-Anbieter außerhalb der Großstadt. Keine in Mountain View, Palo Alto, Cupertino oder Sunnyvale.
Jetzt ratet mal, was man im Übrigen hier auch nicht an Tankstellen sieht: Ladesäulen. Bei so vielen E-Mobilen würde man denken, dass jede Tankstelle unzählige Ladesäulen hat.
Fehlanzeige! Es sind die Parkplätze an Supermärkten, bei Firmen, an Stores. Genau dort, wo es sinnvoll ist. Und dadurch, dass die Entfernungen hier größer als in Deutschland sind, frage ich mich wirklich, wo bei den Wutbürgern das Problem liegt. Die Antwort ist einfach: im Kopf.

Auto fahren ist so viel angenehmer

Wo wir gerade bei Autos sind: auch wenn Internetvideos ein anderes Bild abgeben, aber das Autofahren macht hier einfach viel mehr Spaß. Die Menschen sind viel entspannter, da die knapp 105 km/h (genauer: 65 mph) Maximalgeschwindigkeit dazu führen, dass alle Fahrzeuge inkl. der Lkw grob das gleiche Tempo haben. Das fehlende Rechtsfahrgebot sorgt dafür, dass alle Spuren gleichermaßen verwendet werden.
Sehr angenehm!


Hier folgt demnächst Teil 2 meiner persönlichen Learnings. Manche Dinge sind für manche Menschen vielleicht offensichtlich, aber ich wollte es trotzdem mal niederschreiben.


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